Montag, September 17, 2007

Auszug aus: Die Geschichte der Liebe

Ich nahm ein Bad. Keine Katzenwäsche mit dem Schwamm, sondern richtig in der Wanne, dass der dunkle Rand darin noch einen Schatten dunkler wurde. Ich zog den neuen Anzug an und holte den Wodka vom Regal. Ich trank einen Schluck und wischte mir mit dem Handrücken über den Mund, die Geste wiederholend, die mein Vater und sein Vater und seines Vaters Vater hundertmal gemacht hatten, die Augen halb geschlossen, während das Brennen des Alkohols das Brennen des Schmerzes tilgte. Und dann, als die Flasche leer war, fing ich an zu tanzen. Erst langsam. Aber schneller werdend. Ich stapfte mit dem Fuß und schwang die Beine hoch, dass die Knöchel knackten. Ich stampfte mit den Füßen, bückte mich und schleuderte die Beine hoch in jenem Tanz, den mein Vater und sein Vater getanzt hatten. Ich tanzte und tanzte, lachend und singend, während mir die Tränen von den Wangen liefen, bis meine Füße wund waren und Blut unter den Zehennägeln, tanzte so, wie ich nur irgend tanzen konnte: ums Leben, gegen Stühle krachend, kreiselnd bis zum Umfallen, damit ich aufstehen und weitertanzen konnte, bis der Morgen graute und mich ausgestreckt am Boden fand, dem Tod so nahe, dass ich ihm in den Rachen spucken und flüstern konnte: L'chaim.

von Nicole Krauss

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